Corrado Falcone

Der Bozen-Krimi: Am Abgrund

Leseprobe

Sechs

Zur selben Stunde, in der Sonja mit Mann, Tochter und Schwiegermutter frühstückte und Thomas von der Ernte schwärmte, die den Hof aus den Schulden katapultieren würde, nahm Jonas Kerschbaumer liebevoll das Mountainbike aus dem Wagen, setzte den Helm auf, verriegelte die Türen und radelte langsam zum Start der Downhillstrecke. Dort hielt er inne. Sein Blick fiel auf das Schild, das den Verlauf der Route zeigte und die Fahrer ermahnte, aus Gründen des Naturschutzes nicht von der freigegebenen Strecke abzuweichen. Er wusste, dass hier im Frühjahr die Südtiroler Downhill-Meisterschaft ausgetragen werden würde. Auch wenn Jonas sich auf keinen vorderen Platz, schon gar nicht auf einen Sieg Hoffnungen zu machen brauchte, reichte es für ihn erst einmal, dabei zu sein, Wettkampflust zu schnuppern in dem Sport, der ihn aus Trauer, Verzweiflung und Lethargie riss, in die ihn Ludwigs Morde und schließlich der Tod des Bruders getrieben hatten.

Mit allen Poren nahm er die Natur in sich auf, ihre Schönheit, ihre Erhabenheit, und fühlte in diesem Moment Glück. Hatte es gestern noch geregnet, stand heute Morgen die Sonne bereits am Himmel, nicht allzu hoch, wie zu dieser Jahreszeit üblich, aber dafür warm wie eine Umarmung, und ließ die Tautropfen auf den Halmen der Gräser und auf den Blättern glitzern, als wären es zahllose kleine Diamanten.

Einem Ritual folgend prüfte er penibel die Bremsen, die Schaltung, den Sitz des Helms, der Sonnenbrille und der Handschuhe. Jonas genoss den ausführlichen Sicherheitscheck in der Vorfreude darauf, die neue Strecke auszuprobieren, und sog mit beiden Nasenflügeln den erdigen Geruch des Waldes ein. Doch als er gerade starten wollte, raste ein Mountainbiker in einer schwarzen Ledermontur, mit schwarzem Helm und einem schwarzen Bike in halsbrecherisch hoher Geschwindigkeit so dicht an ihm vorbei, dass sie sich beinahe berührten und Jonas erschrak. „Was soll das, Black Beauty“, brüllte er ihm in einem Anfall von Wut hinterher, schüttelte dann aber den Kopf und atmete noch einmal tief ein, um sich nicht die Stimmung verderben zu lassen und wieder ganz eins mit sich und der bevorstehenden Fahrt zu werden. Kaum hatte er Gelassenheit und Freude zurückgewonnen, drang eine kurzatmige, aber wütende Stimme an sein Ohr: „Ihr machts mit eurem Scheiß die ganze Natur kaputt.“ Die Stimme besaß Scheren und Schneiden. Lauter Irre heute Morgen unterwegs, dachte Jonas resigniert.

Er drehte sich um und entdeckte einen vom Aufstieg außer Atem gekommenen jungen Mann mit schwarzen Haaren, Fransenbart und roten Pickeln im Gesicht. Was wollte dieser Ökoajatollah bloß von ihm? Schweiß perlte von dessen Stirn und die kleinen schwarzen Augen, die ihn an einen Spitz erinnerten, glänzten vor Hass. Es ärgerte Jonas, dass ihm die Vorfreude auf diese Tour so beharrlich verdorben werden sollte, erst durch den rabiaten Sportsfreund, dann durch den Naturschutzmessias, sodass er ihn nur anblaffte: „Die Strecke ist zugelassen.“

Das machte den Naturschützer nur noch zorniger, der jetzt unmittelbar vor Jonas stand und dessen Körper geballte und kaum noch zur beherrschende Aggressivität ausstrahlte. „Meinst du, die Pflanzen und Tiere wissen das?“, zischte er.

„Bin ich Jesus? Wächst mir Gras aus der Tasche oder Moos aus den Ohren? Woher soll ich wissen, was die Pflanzen und Tiere wissen?“

„Arschloch! Eure Meisterschaften könnt ihr euch gepflegt an die Kniescheibe nageln, die werden wir schon zu verhindern wissen!“

Jonas wollte mit dem Tier- und Pflanzenschützer nicht weiter streiten. Es lohnte nicht, denn der Fransenbart hatte sich mit seinen Argumenten in einer Feste höherer Moral eingeigelt. Jonas hob sein Fahrrad am Lenker nach rechts, dann fuhr er an dem Aktivisten vorbei. Er konnte es nicht fassen, als ein Stein an ihm vorbeiflog, den der Naturschützer in seiner Wut nach ihm geworfen hatte. Eigentlich hätte er umkehren müssen und den Mann wegen versuchter Körperverletzung verhaften, aber er hatte keine Lust darauf. Statt zu trainieren hätte er nur viel Papier zu beschreiben und am Ende würde der Steinewerfer behaupten, er habe absichtlich vorbeigeworfen.

Wie man es nahm, der Beginn war definitiv verdorben! Jetzt half nur noch, den Körper brutal anzutreiben, um alles Denken abzustellen. Das war es auch, was er an diesem Sport so liebte, er forderte die ganze Kraft und Aufmerksamkeit und ließ keinerlei Möglichkeit, seinen Gedanken zu folgen und mit Erinnerungen zu kämpfen. So trieb er sich an, um die ihm maximal mögliche Beschleunigung zu erreichen.

Er genoss es, seinen Körper zu fühlen, die Anstrengung seiner Muskeln, seiner Bronchien, und schließlich das Rauschen des Blutes zu hören. Der schmale Trail führte Jonas vom Hügel nach unten tief in den Wald hinein, in einem Tempo, das bald zu schnell für seine Fähigkeiten war. Und umso tiefer er in den Wald kam, umso dichter die Kurven aufeinanderfolgten, er seinen ganzen Körper einsetzen musste, in die Pedale treten, bremsen, wieder antreten, umso mehr verdrängte das rasende Herz, das er bis in die Schläfen hörte, jeden Gedanken, auch seinen Ärger. Mountainbike und Fahrer verschmolzen zu einer Einheit. Dort, wo der Trail nicht aus Wurzeln und Steinen, sondern aus lockerem Boden bestand, hatten ihn unzählige Reifenspuren durchzogen wie Striemen eines mit einer neunschwänzigen Katze ausgepeitschten Rückens. Vor ihm stieg eine natürliche Rampe an, die er leichtsinnig mit ungedrosseltem Tempo anging, um schließlich mit dem Rad durch die Luft zu fliegen – ein ungeheures Gefühl. Sein ganzer Körper bestand nur noch aus Adrenalin, kein Gedanke mehr, keine Erinnerung, keine Idee, kein Ludwig und keine Evelyn vor seinem geistigen Auge, keine Befürchtung mehr, weit mehr als alle Freuden dieser Welt, nur noch pures Adrenalin, dem teuersten Stoff der Welt, er könnte süchtig danach werden. Kurz vor dem Aufsetzen blitzte etwas in seinen Augen auf. Instinktiv stieg er so stark auf die Bremse, dass sich das Hinterrad wegdrehte, er im Bruchteil einer Sekunde um sein Gleichgewicht rang, dabei ein Stoßgebet gen Himmel sandte, nicht ins Schleudern zu geraten, und schließlich gerade noch so quer zum Weg und haarscharf parallel zu einem Holzbrett zum Stehen kam. Was er sah, jagte ihm einen ungeheuren Schreck ein, denn er begriff, dass ein sehr fähiger Schutzengel seine Hände über ihn gehalten hatte. Der Bruchteil einer Sekunde hatte über Tod und Leben entschieden. Hätte er das Hindernis nicht rechtzeitig entdeckt, wäre das Mountainbike nicht mehr davor zum Stehen gekommen.

Quer über den Trail lag eine Planke, durch die jemand große Nägel getrieben hatte. Die perfekte Falle, dachte Jonas, denn diese Stahlspitzen würden jeden Reifen zerfetzen. Im entscheidenden Moment war ein Lichtschein auf den Stahl gefallen und dessen Blinken hatte den jungen Polizisten gewarnt. Er atmete schwer aus, dann schaute er betreten zu Boden: Vielleicht existierte Gott ja doch, denn wer hätte sonst in der höchsten Not diesen Lichtstrahl gesandt.

Jonas lehnte das Mountainbike an einen Baum, um sich die Falle näher anzusehen. Mit seinem Handy machte er mehrere Fotos, bevor er sie nach rechts an den Rand des Trails schob, damit sie niemanden mehr gefährden konnte. Als er sich wieder aufrichtete, fiel sein Blick auf die Felswand, die unterhalb der Kurve abfiel. Trail und Fels trennte eine steinerne Rinne, wie wenn sich hier ein Bergbach sein Bett gegraben hatte. Und dort gewahrte Jonas auch den schwarzgekleideten Fahrer, seltsam verdreht in der Felsrinne und zudem in sein Bike verhakt. Jonas stieg pochenden Herzens zu ihm hinunter. Vorsichtig klappte er das Visier des Helms auf. Tote blaue Augen aus einem Jungengesicht starrten ihn an. Er griff nach dessen Gelenk, um den Puls zu fühlen, doch es überraschte ihn nicht, dass er nicht einmal ein schwaches Zeichen bemerkte. Er hielt ihm sein Handydisplay vor Mund und Nase, doch es beschlug nicht.

Der junge Mountainbiker war der erste Tote, den Commissario Jonas Kerschbaumer nach der Leiche seines Bruders sah. Es ging wieder los. Ein Toter löscht den anderen aus. So seltsam es auch anmuten mochte, doch Jonas Kerschbaumer fühlte, dass er wieder im Job zurück war. Alltag. Aus dem toten Bruder begann allmählich ein Fall zu werden, den abzuschließen ihm eines Tages gelingen würde. Der Polizist erhob sich und rief seinen Vorgesetzten an.

Der Bozen-Krimi: Am Abgrund
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franz. Broschur
13,5 x 20 cm | 432 Seiten
ISBN: 978-88-7283-597-5